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Traumabend mit "Carmen"

Es war einer jener Traumabende, die sich alle wünschen und die unvergessen bleiben: Als Auftakt zu den 29. Sommerfestspielen im Römischen Amphitheater begeisterte Georges Bizets Meisterwerk "Carmen" in der Inszenierung von Adam Frontczak. Von Wolfgang Hoppe

Da stimmte einfach alles: Voll besetzte Ränge, milde Temperaturen, kein Regen und kein Wind, Ruhe im Publikum, kein Handy, keine Blitzlichter, Szenen-Applaus und ein nicht enden wollender Beifallssturm um Mitternacht für ein glänzend aufgelegtes Ensemble unter der Leitung von Ewa Michnik. Die Intendantin der Staatsoper Breslau ist seit Jahren souveräne und hoch geschätzte Dirigentin bei den Arena-Festspielen.

Staatsoper Breslau

Der Ort der Opernhandlung war mit einer die Bühne überragenden Silhouette eines Stiers skizziert, ansonsten fanden alle Aktionen vor schlichten Wänden und auf Stufen statt (Bühnenbild Pawel Dobrzycki). Für das bunte Bild sorgten üppige Farben bei den Kostümen (Malgorzata Sloniowska) von Chor und Ballett, besonders in den Massenszenen. Es begleitete zuverlässig das 60-köpfige Orchester der Staatsoper Breslau.

Doch das Allerbeste an diesem Abend waren die bis in die kleinen Rollen hinein hervorragend besetzten Stimmen, allen voran Irina Zhytynska in der Titelpartie. Sie entsprach äußerlich und stimmlich dem Idealbild der Carmen. Die aus der Ukraine stammende attraktive Sängerin gurrte, flirtete, schmachtete und brillierte in ihren Arien, die volkstümlich wurden: "Habanera"- "Ja, die Liebe hat bunte Flügel", ""Tralalala, brenn, schneide und foltre, dass reden ich soll", "Seguidilla" – "draußen am Wall von Sevilla" und "Was ist Zigeuners höchste Lust?" – natürlich in der Originalsprache gesungen. In "Carmen" erreicht die Oper einen Gipfel der französischen Stilvollendung, trotz des spanischen Milieus, in dem die Tragödie spielt.

Jacek Jaskula als Torero Escamillo hatte etwas Pech, weil ausgerechnet bei seiner Auftrittsarie "Auf in den Kampf" sein Mikro Schwächen zeigte, dafür sprang das Publikum summend ein.

Später überzeugte der Sänger mit voluminösem Bariton und gefühlvollem Timbre. Sein Gegenpart Don José, am Premierenabend von Nikolay Doroshkin besetzt, wirkte zwar rein äußerlich nicht gerade als feuriger Liebhaber, doch sein geerdeter Tenor glänzte dafür vor allem bei den Spitzentönen, mit denen die schwierige Partie reichlich ausgestattet ist.

Publikumsliebling

Zum Publikumsliebling wurde Dorota Wójcik als Micaela. Hinreißend die Gestaltung ihrer Hauptarie "Ich sprach, dass ich furchtlos mich fühle". Auch Dorota Dutkowska als Mercedes ließ einige Male aufhorchen.

Erstes Bravo

Erstes Bravo erntete das Quintett im zweiten Akt "Ich hab ein Geschäft vorzuschlagen" für seine rhythmische Interpretation voller Rasanz und musikalischer Homogenität. Großes Lob verdienen auch der bewegliche und stets synchron agierende Chor (Einstudierung Anna Grabowska-Borys) sowie das schön anzusehende Ballett (Choreografie Bozena Klimczak).

Zum Schluss sorgten zwölf Glockenschläge vom Turm des Victor-Domes und der Vollmond zusätzlich für schauerliche Stimmung, als Carmen in den Armen ihres Liebhabers Don Josè ihr Leben aushauchte.

Der Jubel des Publikums ging in den Beifall für das prächtige Premieren-Feuerwerk über.

fot. Malgorzata Chrastek